Interview 6:

Wer kennt das nicht, man sucht hier in Frankreich eine unbekannte Adresse und ist froh, wenn man eine Hausnummer entdeckt, die bestätigt, dass man sich nicht am Haus geirrt hat. Namen am Klingelschild oder am Briefkasten sind eine Seltenheit. Wie schön, wenn man dann vor einem Haus steht, an dessen Tor in hübschen Keramiktafeln der Name der Familie steht, ein Zeichen von Offenheit und Beständigkeit.

Heute treffen wir Martina Lund, Esalen® Practitionerin aus Tournefeuille. Sie empfängt mich mit einem herzlichen und offenen Lachen.

 

Martina, du lebst mit deiner Familie seit 11 Jahren hier in Frankreich, was hat dich hierher geführt?

 Mein Mann und ich waren viele Jahre lang als Agrarwissenschaftler in der Entwicklungshilfe tätig: erst in Afrika, dann in Lateinamerika. Dann kamen unsere beiden Kinder, und irgendwann, als das Schulalter erreicht war, kam der Zeitpunkt, sesshaft zu werden, um den Kindern und uns als Familie Kontinuität und Ruhe zu schaffen.

Nach einer kurzen Zeit in Deutschland und einem beruflichen Wechsel meines Mannes in die Luftfahrtindustrie zogen wir nach Toulouse, eine gute Entscheidung, nach so vielen Jahren in wechselnden Projekten und Ländern freute ich mich auf die neue Herausforderung.

 

Wie waren deine Französischkenntnisse beim Start in Frankreich?

Ich hatte nur meine Schulkenntnisse. Wenn man sich über Jahre nur in Englisch oder Spanisch verständigt, ist die Wiedereinstieg nicht so leicht. Ich erinnere mich, wie verloren ich anfangs beim Abholen meiner Tochter unter den anderen französischen Müttern vor der Schule stand. Ich wusste, ich muss etwas tun. Ich wollte auch wieder arbeiten. Also stellte ich mich spontan bei einer Immobilienagentur vor, eine völlig neue Branche, auch wenn vor vielen Jahren auch eine kaufmännische Ausbildung gemacht hatte. Ich wurde angestellt und vermittelte dort etwa 1 Jahr lang Häuser an Käufer. Teilweise war das schon unglaublich, mich dieser Tätigkeit auf Französisch auszusetzen, es war der Sprung ins kalte Wasser. Ich erinnere mich noch gut an meine Aufregung, mein Herzrasen vor jedem Kundentelefonat und Vermittlungsgespräch….Aber letztlich hat es mir doch sehr geholfen, meine Sprachkenntnisse schnell zu verbessern und mich hier auch zu integrieren.

 

Du bist Agrarwissenschaftlerin, hast Häuser vermittelt, wie hast du den Weg zur Esalen®- Massage gefunden? Das ist ja etwas völlig anderes.

Ich bin zufällig auf diese Art der Massage gestoßen, die in Kalifornien entwickelt wurde. Ich kannte vorher nur die klassischen medizinischen oder therapeutischen Massagen. Ich erfuhr selbst dieses Gefühl des Loslassens und Getragen Werdens, immer begleitet von einer großen Achtsamkeit des Behandelnden und diese tiefe Entspannung und Wirkung bei und nach der Behandlung. Je mehr ich darüber erfuhr und lernte, desto mehr wuchs mein Wunsch, selbst zu behandeln. Hier in Frankreich ist diese Art der Massage kaum verbreitet, in unserer Region überhaupt nicht. Ich suchte den Kontakt zu Experten in Deutschland, besuchte einen Kennenlern-Workshop und wusste, das ist eine Tätigkeit, die mir wirklich Spaß macht und die ich gerne vertiefen wollte. Ich lies mich schließlich in Deutschland ausbilden, das war ein längerer Prozess und mit vielen Reisen nach Deutschland verbunden, aber die praktischen Erfahrungen, die ich während meiner Ausbildung sammeln durfte, haben mir bestätigt, dass diese Arbeit mir nicht nur Freude bereitet, sondern mir auch liegt. Etwas zu tun, was einem wirklich Freude bereitet, das war eine tolle Entwicklung.

Heute biete ich in meiner eigenen Praxis in Tournefeuille und in Cugnaux Esalen®- Behandlungen an.

 

Was unterscheidet eine Esalen®- Massage von einer herkömmlichen Massage?

Die Esalen®- Massage ist eine Ganzkörpermassage, es handelt sich um sanfte und strukturierte Berührungen des Körpers: der Muskeln, des Bindegewebes und der Gelenke. Diese bewusste Art der Massage lässt einen sehr achtsamen Kontakt entstehen. Das Wohlbefinden des Behandelten steht im Fokus, ein persönliches kurzes Vorgespräch, ein neutraler, angenehmer Raum, eine angenehme Raumtemperatur, schützende Laken. Ich arbeite nicht mit Düften, biete Ruhe, nichts soll den Behandelten ablenken, er soll sich ganz und gar auf sich konzentrieren können. Wichtig sind mir dagegen sehr gute Öle. Im Sommer, wenn es warm ist, nutze ich nach Wunsch auch eine geschützte und ruhige Außenterasse für die Behandlung. Eine Esalen® -Sitzung dauert mindestens 60 Minuten, Zeit spielt eine sehr wichtige Rolle bei dieser Art der Massage, die Körper und Geist entspannt und auch harmonisiert. Es können mentale und emotionale Blockierungen oder Verspannungen entdeckt und gelöst werden, der Behandelte fühlt sich vitalisiert, entschlackt und der Effekt des Loslassens hinterlässt auch nach der Behandlung einen positiven und nachhaltigen Effekt auf das seelische Wohlbefinden.

Auch für Schwangere in ihrem sich veränderndem Körper und Gemütszustand eignet sich die Esalen-Massage hervorragend zur Harmonisierung und Vitalisierung, wobei die Frau dabei in seitlicher Lage massiert wird.

 

Du bietest auch eine Rebozzo- Massage an, was steckt dahinter?

M.L.: Das Rebozzo Ritual, eine Massage speziell für Frauen, hat ihre Wurzeln in Mexiko und ist dort sehr verbreitet, sie wird auch von Hebammen während oder nach der Geburt praktiziert . In der Schwangerschaft oder nach der Geburt verändert sich der weibliche Körper, das Gewebe, das Knochengerüst. Mit Hilfe einer speziellen Wickeltechnik wird besonders der Beckenboden in diesem Ritual mithilfe der Tücher gewickelt. Neben den körperlichen Effekten begünstigt dieses Ritual das innere Gleichgewicht und Wohlbefinden der Frau.

Ich biete zusammen mit einer französischen Masseurin diese dreistufige Behandlung an, sie dauert zwei Stunden: Einer vierhändigen Massage folgt ein heißes, entschlackendes Bad auf der Basis pflanzlicher Inhaltstoffe. Dann folgt die Wicklung mit dem Rebozzoschal. Eine äußerst entspannende Behandlung, nach der man sich vitalisiert, geerdet und tief entspannt fühlt.

 

Martina, wie hast du dich auf die Selbständigkeit vorbereitet?

Mir war sehr wichtig, mich einerseits rechtlich auf sicherem Terrain zu bewegen, das heißt, genau zu prüfen, welche Rechtsform für mich in Frage kommt, in meinem Fall ist das eine EURL.

 

Ein Praktikum in einer deutschen physiotherapeutischen Praxis half mir darüber hinaus mein Wissen über anatomische Fragen zu fundieren und spezifische Aspekte der Körperarbeit an Menschen mit unterschiedlichsten körperlichen Einschränkungen zu diskutieren. Gerade bei einer intensiven Körperarbeit ist es unabdingbar, zu wissen, wie man Menschen mit bestimmten physiologischen Voraussetzungen buchstäblich „anfasst“, wie Menschen mit Arthrose zum Beispiel, oder Schwangere.

Auch die Gestaltung der Homepage fand ich sehr wichtig, ich habe sie professionell nach meinen Wünschen umsetzen lassen und hatte dabei gleichzeitig einen guten Dialog mit dem Webmaster, der selbst auch ein Esalen®- Practitioner ist und mir ein fundiertes Feedback zu meinen Ideen geben konnte.

Wobei das auch ein ganz wichtiger Punkt ist: ich habe mir schon während der Ausbildung ein gutes Netzwerk aufgebaut, einerseits natürlich mit Esalen®- Kollegen und Ausbildern, zum anderen mit anderen verwandten Berufsgruppen hier in der Region. Durch das Netzwerk entsteht Neues, wie die Rebozzo- Massage, die ich mit einer französischen Kollegin anbiete, ich habe auch die Möglichkeit, für Workshops Räumlichkeiten bei Kollegen zu nutzen, ich lerne von anderen und kann mein Wissen teilen.

Und auch, wenn ich sprachlich nach 11 Jahren hier sehr gut angekommen bin, bei gewissen Fachvokabeln habe ich auch noch dazulernen müssen, gerade bei dieser sehr bewussten Art der Massage in einem achtsamen Umgang mit dem Klienten ist es unabdingbar, dass es keine sprachlichen Barrieren gibt.

 

Liebe Martina, vielen Dank für deine offenen Antworten, du vermittelst auf eine angenehm zurücknehmende Weise eine Souveränität und Freude für deine Tätigkeit aus, die imponiert- mich hast du schon sehr neugierig gemacht!

 

Hast du vielleicht abschließend noch einen Tipp für Familien in und um Toulouse, den du uns gerne weitergeben möchtest?

Les Sentiers d’Emilie, das sind kleine Wanderbücher, die schöne Ausflüge für Familien mit Kindern in der Umgebung Toulouse‘ vorstellen. Da findet sicher jeder was für einen Tag im Grünen.

 

Mehr Infos zu ihrem Angebot findet ihr unter
www.detenteesalen.com

 

 

 

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