Interview 5

Julia Bock von "designers en herbe"

Heute möchten wir euch Julia Bock von „designers en herbe“ vorstellen.

Julia ist 1981 mit 6 Jahren zusammen mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester von Deutschland nach Toulouse gezogen und lebt heute mit ihrem französischen Mann und ihren beiden Mädchen im Tarn-et-Garonne.

 

K&K Tls: Liebe Julia, hast du damals als Kind schon geahnt, dass du dein Leben einmal hier in Frankreich verbringen wirst?

Nein, woher auch. Mit 6 Jahren hat man andere Träume. Ich wollte immer Pippi Langstrumpf werden und in der Villa Kunterbunt leben. Aber dass die Villa Kunterbunt in Sued-Frankreich steht, war mir nicht bewusst.

 

K&K Tls: Nach deiner Schulzeit hier auf der Deutschen Schule hast Du Produktdesign an der Kunsthochschule in Toulouse studiert. Danach hast Du 10 Jahre als Interior Designer im Flugzeugbereich gearbeitet und im September letzten Jahres völlig neue Wege eingeschlagen und designers en herbe gegründet. Was verbirgt sich hinter diesem Namen?

Naja, nimmt man die wörtliche Übersetzung könnte es ‚Designern im Grass‘ heißen. Ich möchte den Kindern neben zeitgenössischer Kunst, Design, verschiedene Kulturen auch Umweltbewusstsein nahe bringen. Im diesem Interesse versuche ich auch, dass die verwendeten Materialien aus dem Bereich des Recycling und natürlich, ökologischer Herkunft sind. Im Französischen bedeutet der Ausdruck „en herbe“ „zukünftig“. So könnte man sagen dass meine Schüler zukünftige kleine Designer sind!

 

K&K Tls: Zur Zeit bietest du deine Ateliers zwei Mal wöchentlich in der Internationalen Montessori Schule in Grenade an. Hast du einen persönlichen Bezug zur Montessori Philosophie?

Ja ich bin überzeugt von dieser Pädagogik. Eine Methode die das Kind und seine Individualität in den Mittelpunkt stellt. Als Grundgedanke der Montessori Pädagogik gilt die Aufforderung „Hilf mir, es selbst zu tun“. Dies stärkt ein gesundes Selbstbewusstsein. Es ist schade dass in Frankreich die Montessori Pädagogik nicht sehr verbreitet und anerkannt ist.

 

Meine beiden Töchter waren hier in Grenade in der Internationalen Montessori Schule. Ich kann sie nur weiterempfehlen. Ein traumhafter Ort, aufgebaut mit Liebe zum Detail von zwei wundervollen Frauen. Wahrscheinlich „die schönste Schule der Welt“. Das alte, freundliche  Haus und Park sind die idealsten Bedingungen für Kinder. Hier wird ihren Bedürfnissen tiefer Respekt entgegen gebracht.

 

K&K Tls: Du bietest deine Ateliers für Kinder an; was bedeutet dir diese Zusammenarbeit?

Sehr, sehr viel! Sie tragen noch nicht die Maske die viele Erwachsene tragen. Sie sind ehrlich und es kommt vom Herzen. Einfach herrlich!

Man darf nicht vergessen, Kinder sind die Zukunft unserer Erde. Und ich möchte mit ihnen meine Erfahrungen teilen, eine sehr schöne Zusammenarbeit. Ab September 2012 werde ich nun auch einen Kurs einmal im Monat für Teenager am Freitag von 17h30-19h00 anbieten.

 

K&K Tls: Die vielfältigen Techniken, die du mit den Kindern erarbeitest, bringst du die aus der Kunsthochschule mit? Wie sind deine Kurse aufgebaut?   

Mein Kurs besteht aus drei Teilen. Der erste ist etwas Theorie: ich erzähle, zeige Bilder etc. von Künstlern, Designern, Materialien… bei diesem Teil gibt es immer sehr große Diskussionen unter den Kindern. Es ist herrlich diesen kleinen Menschen zuzuhören.

Der zweite Teil ist dann die Praxis. Die Kinder lernen eine Technik und gestalten. Mir ist es vor allem wichtig, dass Kinder die Techniken (z.B. Linoldruck oder Filzen) verstehen. Ich versuche, mich immer in das Kind hineinzuversetzen und es ihm auf einfache Weise nahezubringen. Aber nicht jedes Mal wird eine neue Technik erlernt, denn das freie Gestalten ist auch ein wichtiger Punkt in meiner Arbeit.

Und der dritte Teil sollte zuhause erfolgen. Nach jedem Kurs, erfolgen ein kleines Resümee mit Text und Bildern, dieses wird auf meinem Blog veröffentlicht. Ich lade immer wieder die Eltern dazu ein mit ihren Kindern zusammen den Blog Eintrag anzuschauen. Es fördert die Kommunikation innerhalb der Familie und gibt dem Kind auch Selbstbewusstsein.


Mein Kursjahr ist in verschiedene kleine Labs eingeteilt. Zum Beispiel haben wir letztes Jahr mit dem Lab’Papier angefangen. Wir haben zwei Monate nur um und mit dem Material Papier gearbeitet. Woher kommt das Papier? Welche Designer und Künstler arbeiten damit? Wie macht man es? Was ist Origami? etc.

Danach folgten das Lab’Motif&Druck, Lab’Faden&Faser und nun das Lab’Reise nach Japan.

   

K&K Tls: Dein Atelier ist Ausdruck Deiner Kreativität. Wo lässt du dich inspirieren?

Ausstellungen, Filme, Theaterstücke, Schaufenster, Zeitschriften, Blogs, Bastelbücher und auch von all den vielen Reisen, die ich früher unternommen habe.

 

K&K Tls: Was würdest du selbst als „das Besondere“ an deinen Ateliers bezeichnen?

Es ist nicht „nur“ ein Kunst-Design-Bastelkurs, sondern viel mehr. Obwohl ich für den Kurs 1h30 angesetzt habe, hat es sich nun so ergeben dass es 2 Stunden geworden sind. Nach dem gemeinsamen „Goûter“ um 15h30 spielen die Kinder in dem wunderschönen Park der Schule bis 16h00. Sie sind richtige Freunde geworden und es kommt immer wieder vor, das Tränen um 16h00 fließen, wenn die Eltern die Kinder abholen.

Kinder haben heute kaum noch Zeit für sich, sie haben keinen erwachsenenfreien Raum, wie frühere Generationen ihn noch hatten. Sie haben sich in der Straße, im Hof, im Wald getroffen und dort soziale Kompetenz erworben. Ich glaube, dieses soziale Zusammenfinden (ein anderes wie in Kindergarten oder Schule) einmal die Woche gibt ihnen sehr viel.

 

 K&K Tls: Das von dir entwickelte Spiel  Cap‘pool– magst du uns mehr davon erzählen?

Ja gerne. Cap’pool ist eine Art kreatives Spiel für Kinder ab 3 Jahre. Dabei ganz wichtig: Kreativität und Ausdauer. Man muss sich vorstellen eine riesige Plastikplane mit hunderten von Verschlüssen von Plastikflaschen in allen möglichen Farben und Größen. Der Fantasie sind mit Cap’pool keine Grenzen gesetzt. Kinder können mit Händen, Füssen, bäuchlings etc. die Verschlussmasse bearbeiten. Die Flaschenverschlüsse werden nebeneinandergelegt, -gestellt, -gestapelt, -geschoben. So entstehen immer wieder neue Kunstwerke.

 

Cap’pool bringt viele Einsatzmöglichkeiten;

• Eigene Muster legen.

• Muster nachlegen.

• Silhouetten legen.

• Kleine Konstruktionen...

 

Cap’pool fordert in hohem Maße Vorstellungskraft, Konzentration, Kreativität, Aufmerksamkeit sowie Geduld und Ausdauer.

 

 K&K Tls: Woher kommt die Idee zu dem Spiel?

Zu der Idee zu diesem Projekt kam ich Anfang 2011 in Zusammenarbeit mit einem kleinen Jungen, Maceo. Maceo leidet an infantiler Zerebralparese, eine Krankheit, die sich in einer Störung wichtiger motorischer Abläufe manifestiert. So kann Maceo weder seinen Rumpf, noch seinen Kopf richtig beherrschen, die Koordination seines Körpers ist gestört, seine Muskeln sind spastisch. Maceo kann also weder gehen, noch alleine auf einem Stuhl sitzen, noch schreiben, oder eine Arbeit ausführen, die die beiden Hände erfordern. Wie die anderen Kinder in seiner Gruppe im Kindergarten wollte er sich jedoch auch kreativ ausdrücken. Nach vielen Überlegungen kam ich auf die Idee von Cap’pool. Als ich ihm dann mein Projekt vorstellte, war dieser kleine Junge wie verwandelt, er “schwamm” regelrecht durch diese Verschlüsse- Masse. Er schob Kunstwerke zusammen, er gestaltete! Das war ein Erlebnis von großen und tiefen Emotionen auf beiden Seiten. Fantastisch!

Im Sommer  2011 habe ich Cap’pool dann zum ersten Mal bei einem Recycling Workshop eingesetzt. Es war beeindruckend zu erleben, mit wie viel  Ausdauer und Hingabe Kinder (aber auch Erwachsene) sich damit beschäftigen.

 

An dieser Stelle würde ich gerne einen Spendenaufruf für Maceo machen.

Weitere Infos unter: http://hissezhautmaceo.fr/

 

K&K Tls: Du sprichst französisch, deutsch und englisch. In welcher Sprache gibst du deine Kurse?

In Französisch. Wenn ich aber bemerke, dass ein Kind sich unwohl fühlt, da es die französische Sprache nicht gut beherrscht, komme ich ihm in seiner Muttersprache entgegen. Auch können auf Anfrage der Eltern meine Kurse nur in Deutsch oder Englisch gehalten werden.

 

K&K Tls: Hast du noch freie Plätze und ein paar Infos zur Anmeldung?

In Frankreich fängt dass Kursjahr immer im September an und geht dann bis Ende Juni. Das heißt, wir sind nun am Ende des Kursjahres 2011/12 angelangt. Für das neue Jahr habe ich natürlich noch freie Plätze. Es gibt zwei Arten von Anmeldungen. Einmal die Jährliche (33 Kurse, einmal pro Woche von September 2012 bis Juni 2013) oder die Punktuelle (Pro Kurs bezahlt oder in Form einer Zehner Karte). Einschreibung für die Jährliche bis 8. September 2012 und die Punktuelle das ganze Jahr über.

 

K&K Tls: Hast du einen Traum? Wo möchtest du in 1-2 Jahren stehen?

Mein Traum ist das „designer en herbe“ immer noch besteht, vielleicht in eigenen vier Wänden mit Recycle Zentrum in Reggio Pädagogik Stil? Oder ein eigenes Bastelbuch? Und auf alle Faelle Cap’pool mehr verbreiten.

 

K&K Tls: Du lebst seit so vielen Jahren hier – bestimmt hast du abschließend noch einen familienfreundlichen Freizeittipp für uns?

Ja, einmal  den Bamboo Parc, in der Nähe von Castelsarrasin im Tarn et Garonne. Meine Töchter und ich verfolgen die Entwicklung des Parks seit seiner Eröffnung 2007. Jedes Jahr kommt etwas neues Spannendes hinzu. Info unter: www.bamboo-parc.com

 

Auch finde ich sehr schön mit Kindern (ab Grundschulalter) das Musée Calbet in Grisolles zu besichtigen. Es ist ein kleines Museum in einem alten Fachwerkhaus des 17Jahrhunderts. Das Konzept alte traditionelle Volkskunst, zusammen mit wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Man sollte sich aber über die Ausstellung schlau machen bevor man dort hinfährt. Info unter: www.musees-midi-pyrenees.fr/musees/musee-calbet/

 

 

Liebe Julia, hab´ ganz lieben Dank für das Interview mit dir! Wir sind uns sicher, mit deiner aufgeschlossenen und liebevollen Art wirst du noch sehr viele Kinder in deinen Ateliers glücklich machen. Für die Zukunft wünschen wir dir alles Gute!

 

 

Alle Infos auf Julias Internetseite: www.designersenherbe.fr

und Neuigkeiten auf dem Blog www.designersenherbe.blogspot.fr

 

 

Nächster Termin: Sommerworkshop zusammen mit Montessori Schule vom 2. bis 4.Juli 2012 für Kinder von 3 bis 8 Jahren. Mehr Info Anfang Juni.

 

 

 

Anmerkung von K&K Tls:

Wir sind mit Kind & Kegel Toulouse quasi in die Fußstapfen von Julias Eltern getreten. Diese haben hier in Toulouse vor vielen Jahren eine Zeitung für Deutsche drucken lassen. Eine super Idee, wie wir finden!

 

An dieser Stelle einen freundlichen Gruß an die Macher von „Lies mich“ !

 

 

 

 

 

 

 

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