Interview mit Kirsten, 48, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, seit 6/2015 in Toulouse

Wie sieht ein normaler Wochentag hier bei dir aus?

Ich bin selbständig und arbeite beratend für Unternehmen in Deutschland. Dadurch ergibt sich für mich die Möglichkeit, regelmässig für Kundengespräche nach Deutschland zu fliegen. Morgens mache ich Sport, um mich dann an die Arbeit zu setzen. Wenn es das Wetter zulässt, arbeite ich supergern draußen, denn ich bin ein Frischluftfanatiker.

Von Deutschland war ich immer nur sehr spartanische Mittagspausen von 30 Minuten gewöhnt. Umso schöner, dass den Franzosen ihre Mittagspause heilig ist und in der Regel eine volle Stunde dauert.

 

Welche Hürden muss man meistern?

Die Bürokratie in Frankreich steht der deutschen Bürokratie in nichts nach. Als ich z. B. das 1. x probeweise in einem Sportverein trainieren wollte, brauchte ich extra ein Attest vom Arzt, dass dem Verein genau diese Sportart als unbedenklich für mich bestätigte und dazu noch eine Unfall-Versicherung, falls ausgerechnet beim Probetraining mir etwas zustoßen sollte. Dadurch hat es ein paar Wochen länger gedauert bis ich dann endlich meine Sportart ausprobieren konnte und ja, ich bin dabei geblieben.

 

Was gefällt dir besonders gut an dieser Region?

Ich bin ein licht-und sonnenhungriger Mensch und den Winter in Deutschland fand ich immer endlos lang. Hier im März schon an einem geschützten Plätzchen draußen essen zu können, der zeitige Frühling, laue Sommernächte und ein sonniger, warmer Herbst sind genau nach meinem Geschmack. Ich mag die Ähnlichkeit zu unserer Natur, weil es hilft, sich nicht in einem zu fremden Land zu fühlen. Toll ist die Lebensmittelvielfalt, die Wochenmärkte, die viel mehr auf saisonale und regionale Produkte setzen. Ich liebe das Flair von Toulouse und die wunderschöne Architektur einer Stadt, die - natürlich anders als Hamburg - von Bombenangriffen verschont geblieben ist. Mein Lieblingsviertel von Toulouse ist Carmes.

 

Und was magst du an den Franzosen?

Die Höflichkeit im Miteinander, ihre kreative Küche und lustigerweise inzwischen die "Bises", die kleinen Begrüßungküsschen, mit denen ich mich in den ersten Monaten so unglaublich schwer getan habe. Bei uns Zuhause gab es so etwas nur innerhalb der Familie, aber nicht mit Kollegen oder relativ flüchtig Bekannten. Es fühlte sich so unnatürlich für mich an; ich behaupte mal, dass ich bei den ersten Malen im Gesicht wirklich rot angelaufen bin, weil es sich einfach zu nah und zu fremd angefühlt hat.

 

Gibt es Dinge, die dich nerven?

Anfangs hat es mich gestört, dass der Essenstisch regelmäßig in ein Schlachtfeld verwandelt wurde: So wird Brot meist ohne Rücksicht auf Verluste auf dem Tisch geschnitten, so dass er in kürzester Zeit mit Krümeln übersät ist. Irgendwann habe ich mir dann aber gesagt, dass das eine Form französischer Tischdekoration ist und wenn ich jetzt in Deutschland bin, freue ich mich, wenn ich Brotkrümel auf dem Tisch entdecke, weil sie mich an Frankreich erinnern.

Manchmal nervt mich aber das ständig gute Benehmen.

Man sollte als Frau nicht auf die Idee kommen, spontan einen Sprint hinzulegen, um 100 m vor dem Kino noch schneller an die Kinokasse zu kommen, weil man spät dran ist. Man ist schließlich eine Dame. Und "extravagante Zärtlichkeiten" wie ein kurzer Kuss auf den Mund zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit wird - nach meiner Erfahrung - als unangepasst eingestuft.

 

Was tust du, wenn du einen "Heimweh-Blues" hast?

Dafür habe ich einen Vorrat von Lakritz aus Deutschland, höre deutsches Radio im Internet oder telefoniere einfach mit einer guten deutschen Freundin. Ich interpretiere das nicht über; das ist doch normal, dass man Lebensmittel liebt und vermisst, mit denen man aufgewachsen ist. Genauso, dass man natürlich gerne in seiner Muttersprache mit Menschen spricht, die einem vertraut sind und so ähnlich gestrickt sind wie man selbst.

 

Was würdest du vermissen, wenn du wieder nach Deutschland zurück gingest?

Das knusprige Baguette, das ofenwarm über die Theke geht, die Wasser-Karaffe, die selbstverständlich zu jedem Essen im Restaurant auf den Tisch gestellt wird, die französische Sprache und nicht zuletzt: das bessere Wetter!

 

Wie oft reist du nach Deutschland und was nimmst du dann in deinem Koffer mit nach Frankreich?

1 x Monat.

Im Winter "schmuggele" ich die fantastischen türkischen Granatäpfel mit nach Frankreich, weil es hier keine vergleichbaren gibt. In die Gegenrichtung bringe ich dafür Kastanienmehl für meine Lieben nach Deutschland.

 

Auf was freust du dich am meisten, wenn du wieder zurück nach Deutschland kommst?

Meine Familie und Freunde!

 

Magst du uns einige deiner Lieblingsplätze oder Lieblings-Aktivitäten verraten?

Ausflüge in die Pyrenäen, nach Carcassonne, an die Atlantikküste (St. Jean de Luz) oder das Mittelmeer (Sète, Cap d'Agde)

Im Alltag: Entlang der Garonne per Mountainbike oder Turnschuh oder lecker Waffelnessen im gemütlichen "Le Petit Magre".

 

Gibt es Tipps, Devisen oder Verhaltensweisen, die du empfiehlst?

Für mich waren meine Mitgliedschaft in Sportverein, Aktivitäten von InterNations etc. wichtig, mich hier wohl zu fühlen und neue Freundschaften zu knüpfen. So viel wie möglich Französisch lesen, sprechen und hören, damit man weniger gehemmt ist. Ich sehe französische Spielfilme auf YouTube oder DVD und höre unterwegs französische Audio-Books aus der hiesigen Bücherei.

Und klar: Um zu sprechen, musste ich anfangs schon meinen inneren Schweinehund überwinden, um möglichst viele Situationen im Alltag zu nutzen, damit ich verschiedene Akzente und Sprachstile kennenlerne.

Aber wie heißt es schließlich: No risk, no fun!

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